Statusbericht New Work: Wie ich lerne, zu vertrauen

Links, rechts, links. Kein Auto in Sicht. Und noch mal: Links, rechts, links. Da hinten, in 500 Metern Entfernung, biegt ein Fahrzeug in die Straße ein. Mein Sohn Felix, sieben Jahre alt, wartet bis es vorbeifährt, bevor sich das Spiel von vorne wiederholt. Ich stehe jetzt bestimmt schon seit zwei Minuten neben ihm und merke, wie ich langsam, aber sicher, ungeduldig werde. 

Felix geht seit letztem Jahr in die erste Klasse einer Grundschule bei uns in der Nachbarschaft. Ich begleite ihn jeden Morgen auf seinem eigentlich nicht sehr gefährlichen Schulweg. Ich mache das sogar sehr gerne. Denn diese fünf Minuten mit meinem Sohn sind sozusagen mein tägliches Training, um eine bessere Führungskraft zu werden.  

Muss ich wirklich immer alles alleine entscheiden? 

Bevor meine beiden Jungs mir beigebracht haben, was es heißt, auf das Potenzial von Menschen zu vertrauen, war ich ein anderer Chef. Sich über die Probleme mit den eigenen Mitarbeitern zu beschweren, gehörte für mich zum typischen Unternehmerleid. Freunde und Familie empfanden Mitleid, wenn ich davon erzählte, dass man „alles allein entscheiden“ müsse. Niemand widersprach mir. Das Bild des unter Arbeitsbelastung und Problemen leidenden Unternehmers ist in den Köpfen vieler Menschen normal und findet gesellschaftlich sogar hohe Anerkennung. “Der schuftet für den Erfolg! Der hält den Laden am Laufen! Wer so ackert, der kann was, der wird gebraucht!” Burnout als Statussymbol.

Bild von Felix

Felix: „Papa, ist Chef sein eigentlich anstrengend?“ Jedenfalls weniger mit New Work. <Quelle: privat>

Gesellschaftlich hoch akzeptiert ist aber auch das Bild des liberalen und verständnisvollen Vaters, der seine Kinder zu mehr Eigenverantwortung erzieht. Diese neue Form der Erziehung hat sich, besonders in den letzten Jahren, glücklicherweise überwiegend durchgesetzt. Pädagogen sind sich einig, dass eine fürsorgliche, respektvolle und fördernde Erziehung Kinder hervorragend auf die Herausforderungen der modernen Welt vorbereitet. Autoritäre Bevormundung und strafende Konsequenzen für Fehlverhalten sind geächtet und zeugen für ein intolerantes und liebloses Familienleben. 

Bin ich ein idealistischer Spinner? 

Irgendwie ist Erziehung doch auch eine „Führungserfahrung“. Nur komisch, dass wir diese Art des jemanden vorgesetzt sein meistens oft völlig anders leben und erleben, als wir es im Arbeitsumfeld tun. Zu Hause führen wir mit viel mehr Wertschätzung, Vertrauen und Geduld. Natürlich sind Mitarbeiter keine Schulanfänger. Ich muss ihnen nicht beibringen, dass sie nachdenken und sich umschauen müssen, bevor sie handeln. Ich muss zulassen, dass sie handeln, wann sie es für richtig halten. Also warum soll ich auf emotionaler Ebene nicht genauso menschlich, unvoreingenommen und selbstverständlich mit ihnen umgehen, wie mit meinen Kindern? 

Bin ich jetzt ein idealistischer Spinner, wenn ich solche Methoden im Arbeitsumfeld fordere und einsetze? Kann es nicht für wirklich jede Unternehmensgröße und Branche eine wunderbare Lösung sein, vertrauensvolle, eigenverantwortliche und fördernde Führung zu etablieren? Ich sage ja. Denn als Führungskraft gewinne ich durch die Zuteilung von mehr Eigenverantwortung nicht nur mehr Freiraum, sondern auch zufriedene Mitarbeiter. 

New Work –Theoretisch gut, praktisch schwierig

Dies ist eine der Kernaussagen von New Work. Der Wunsch, dass es tatsächlich eine Alternative zur anstrengenden und oft wenig erfolgreichen Ausübung von Macht und Kontrolle gibt, der vereint viele. Bestimmt wird die Diskussion von „Arbeitsphilosophen“ wie Frederic Laloux oder Frithjof Bergmann, die mit ihren theoretischen Konstrukten überzeugen. 

„Reinventing Organisations“. Sowas wie die Einstiegsdroge in New Work.

Mitarbeiter sind begeistert und wollen natürlich möglichst große Teile dieser Theorien im eigenen Unternehmen verankern, selbstbestimmt und mitbestimmend arbeiten. Die Manager fühlen sich mit ihren Ängsten nicht ernst genommen, wenn Methoden in Frage gestellt werden, die sie seit Anbeginn ihrer beruflichen Laufbahn erlernt, angewendet und für gut befunden haben.  Und auch Angestellte sind schnell enttäuscht, wenn die neuen Methoden vor allem erst einmal anstrengende Veränderungen mit sich bringen.

Das führt dann dazu, dass die ersten Kommentatoren den New Work Hype schon wieder für beendet erklären. Die Praxis hätte bewiesen, dass die Modelle eben nur in einer ganz kleinen Zahl von Unternehmen wirklich funktionieren. Softwareentwicklung, Internet, Startup – ja. Aber Produktion, Banken oder Verwaltung? Da hat das nichts verloren. 

Kein Heilmittel, keine Utopie – einfach mehr Menschlichkeit

Wirklich? Wie so oft in dieser immer komplizierter werdenden Welt ist die Antwort nicht ganz einfach zu finden. Weder ist New Work das Heilmittel für alle Probleme im Arbeitsumfeld, noch ist es eine Utopie von Idealisten, die unser kapitalistisches System in Frage stellen wollen. 

Und natürlich funktioniert vieles nicht so, wie es in der New Work-Literatur beschrieben wird. Ja, die Wandlung, die Manager und Mitarbeiter gleichermaßen durchlaufen müssen, ist unglaublich anstrengend. Am Ende scheitern viele vorerst daran. Richtig, selbstbestimmtes und mitbestimmendes Arbeiten erfordert von den Verantwortlichen ein hohes Maß an Geduld und Vertrauen, die meist keine Stärke von typischen Chefpersönlichkeiten ist. Auch nicht von mir.

Ich übe neue Führung 

So stehe ich jeden morgen wieder an der Straße neben meinem Sohn und übe mich darin, Verantwortlichkeit abzugeben. Links, rechts, links. Wenn ich ihn jetzt einfach an der Hand nehmen würde, um ihm über die Straße zu helfen – was hätte er dann gelernt? Was für ein Mensch würde aus ihm werden, wenn ich dieses Verhalten nicht nur in dieser, sondern auch in anderen Situationen seines Lebens zeigen würde? 

Ich bin davon überzeugt, dass wir durch unsere moderne Erziehung glücklichere und bessere Mitglieder unserer Gesellschaft aus unseren Kindern machen. Und ganz nebenbei: Wir machen dadurch auch unser eigenes Leben besser. Im Sinne der Organisation, der Kunden und der Kollegen in jeder Situation mitdenkende Mitarbeiter entlasten Führungsverantwortliche in einem für das Unternehmen unbezahlbaren Maß. So kann sich jeder auf seine Stärken konzentrieren, statt sich von starren Kontrollvorgaben und Prozessen regieren zu lassen.  

Trauen Sie sich, probieren Sie New Work aus! 

Unser neues hierarchiefreies Organigramm <Quelle: Privat>

Was New Work jetzt braucht, sind mutige Führungsverantwortliche wie Sie, die diesen Text lesen und die Ideen verinnerlichen und sich trauen, ihre Gedanken trotz Konfrontation mit der Realität weiterzuentwickeln. Das können nur Inhaber, Unternehmer und Abteilungsleiter, die sich die Freiheit dazu nehmen oder das Vertrauen innerhalb einer Organisation geschenkt bekommen. Diese Pioniere gehen ein hohes Risiko. Denn niemand garantiert ihnen den Erfolg ihrer Mission. Sie werden viele Fehler machen. Doch genau darauf lernen Sie, wie Sie aus Ihrer Organisation nachhaltig verbessern.

Seien Sie für Ihre Mitarbeiter da, wenn Sie gebraucht werden 

“Felix, stopp! Da kommt ein Auto! Du musst demnächst etwas besser hinschauen.” Natürlich schalte ich mich ein, wenn mein Sohn zu früh losläuft. Menschen brauchen Schutz, Anleitung und konstruktives Feedback. Wenn sie in einer wertschätzenden Umgebung Zeit haben sich zu entwickeln, werden sie schneller „groß(artig)“ als man manchmal denkt. 

Links, rechts, links! Vertrauen Sie ihren Mitarbeitern und geben Sie ihnen den Raum und die Anleitung, damit sie großartiges vollbringen können. Es lohnt sich für alle! 

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